ErD-Lebnis-Orte
BMBU 2011-0438 und BMBU 2011-0439, 1-10

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In Verbindung mit der Sonderausstellung ›Kinderwelten‹ im Jahr 1997 gelangten auch einige Stücke als Schenkung in die Museumssammlung. Es gehörten u. a. dazu: eine Hebammentasche (Inv.-Nr. BMBU 20011-0440) und das Ausstattungsinstrumentarium der Hebamme Emma Loof aus Ummendorf, in einem dafür angefertigten verschnürbaren Leinentuch mit Schlaufen für Nabelschnurschere, Fadenschere, Arterienklemme, Fieberthermometer, anatomischer Pinzetten und Pulsuhr u. a. m. (Inv.-Nr. BMBU 2011-0438 und BMBU 2011-0439, 1-10). – Das gestreckt s-förmige Instrument mit Öhr und Schlaufe (ganz rechts im Bild) wurde in der Benennung bisher nicht aufgefunden.

Die aus braunem Leder gefertigt Tasche in der Museumssammlung ist eine zeitypische Tasche, die von einer Hebamme nachweislich genutzt wurde. Nicht selten gab es ähnliche Taschen, größer in der Anfertigung, mit mehr Stauraum und feinteiligerer Fächeraufteilung, für die notwendigen Dinge zur Behandlung von Erkrankten sowie zum Einsatz bei Gebärenden ausgestattet. Auch die Ausführung als Koffer war üblich (siehe Vergleiche). Noch heute werden Taschen ähnlicher Gestalt als Doktor-, Arzt- oder Hebammentaschen bezeichnet. Oft jedoch sind sie zur Verwendung für Büro und Reise gedacht, ohne dass sie in der namensgebenden Nutzung stehen.

Der gesamte obere Rand der hiesigen Tasche ist mit sog. Bügeln eingefasst. Es sind zwei Metallschienen, die zur haltgebenden Einfassung genietet sind. Sie haben im Unterschied zum Leder eine Farbgebung in hellerem Braun. Die Bügelenden sind auf den beiden Schmalseiten beweglich fixiert. Somit wird das Öffnen und Schließen der Tasche ermöglicht und stabilisiert. Ein einseitig abgeflachter, leicht ovaler Ring dient als Griffhilfe beim Öffnen der Tasche. Im Tascheninneren befindet sich ein braunes Leinenfutter, das auf der nach vorn aufklappbaren Seite durch die Benutzung auf einer Länge von 12 cm aus der Metallschiene gelöst ist. Der Futterstoff hat entsprechende Nutzungsspuren, u. a. weist er zwei Flecken auf (max. 2,5 x 1,5 cm), die auf eine ölige Flüssigkeit schließen lassen. Die Seite der Arbeitstasche, an dem sich der Tragegriff aus braunem abgestepptem Leder befindet, hat innen noch ein Seitenfach, ebenfalls aus braunem Leinenstoff gefertigt. Der Verschluss erfolgt über zwei innen am Blech angenietete Haken, die in die rechts und links obenauf befindlichen Riegel greift. Ein weiterer Haken ist mittig, oberhalb der Grifföse zu finden, der in das abschließbare Schloss unterhalb des Tragegriffes einrastet. Zum Schutz des Taschenbodens vor Beschädigungen gibt es in jeder Ecke einen sog. Standfuß aus Eisenblech.

Die Hebammentasche mit den chirurgischen Instrumenten von Emma Loof und das archivalische Material aus dem Nachlass der Mutter Emma Loof, geb. Künnemann, weckte im Zusammenhang mit den Eingangsinformationen zu den Schenkungen das Interesse, mehr zu erfahren. Mit den inzwischen im Museum vorhandenen Hebammentagebüchern, eines von der Hebamme Marie Junge aus Eimersleben und eines von der Hebamme Anna Voigt aus Eggenstedt, besteht inzwischen ein thematischer Sammlungsgrundstock. Er ist zudem besonders interessant, da ein ähnlicher Zeitraum für die Hebammentätigkeiten dokumentiert ist. Zur jüngeren Hebamme Emma Loof wurde im Kontext des SammlungsStückes erstmals auch Biografisches zusammengetragen.

Die Eltern der jüngeren Emma Loof, geb. am 10. April 1894 in Ummendorf, sind als Mutter: Emma Loof, geb. Künnemann (*29.11.1864, +19.8.1943), gebürtig aus Warsleben – dort bis zur Übersiedlung nach Ummendorf in ihrem Heimatdorf und in den Nachbargemeinden als Hebamme tätig sowie Albert Loof (*22.9.1862, +2.4.1925) als Vater. Beide Hebammen Loof erhielten ihre Ausbildung an der 1795 gegründeten Provinzial-Hebammenlehranstalt (ab 1914 Landesfrauenklinik) in Magdeburg. In einem Zeitungsartikel der Museumssammlung (ohne bisher nachvollziehbarer Quellenangabe, Inv.-Nr. BMBU 2011-0437) zum 50. Dienstjubiläum der Hebamme Emma Loof, geb. Künnemann, wird darauf verwiesen, dass diese am 29. März 1856 ihre damalige Hebammenprüfung in der Hebammenlehranstalt in Magdeburg mit vorzüglich bestand. Zum Zeitpunkt ihrer  fünfzigjährigen Hebammenarbeit im Jahr 1936 hatte sie in 2365 Fällen Geburtshilfe geleistet, so in der Beilage zur „Allertal-Zeitung“ vom 28. März 1936 nachzulesen.

Bildungseinrichtungen für Hebammen gehen auf eine Anordnung Friedrich II. von Preußen aus dem Jahr 1772 zurück. Der Hintergrund für die Verordnung galt der Bevölkerungspolitik, … »die die »Produktion von Menschen« forderte, um ein Bevölkerungswachstum zu erreichen. Viele Menschen bedeuteten viele Untertanen und Soldaten, an deren Zahl der Herrscher glaubte, seine Macht messen zu können: »que le nombre des peuples fait la richesse des Etats« war der wirtschaftspolitische Grundsatz Friedrichs II von Preußen.« (S. Keyhan-Falsafi – R. Klinke – C. Schütz 1999, S. 21).

Um eine Ausbildung an einer Hebammenlehranstalt in der Zeit um 1900 aufnehmen zu können, musste eine schriftliche Bewerbung vorausgehen. »Die Auswahl erfolgte durch Beachtung von sozialen und intellektuellen Komponenten. Entscheidend war einerseits der gute Ruf in der Gemeinde bzw. Stadt, aber auch die Gabe, lesen und schreiben zu können. Dies war von Nöten, um das Lehrbuch lesen und die Prüfung schreiben zu können. [Und auch das Führen eines Tagebuches zu den Geburten war von den Hebammen verlangt. – S. V.] Analphabetismus versperrte den Schülerinnen die Ausbildung, aber Kinderlosigkeit und unverheiratet zu sein [wie bei der ledigen Emma Loof – S. V.] nicht mehr. Dem Bewerbungsschreiben musste man seinen Geburtsschein, ein Leumundszeugnis, eine ärztliche Bescheinigung über eine kürzlich erfolgte Wiederimpfung, Staatsangehörigkeitsausweis und bei Gemeindeschülerinnen auch der abgeschlossene Hebammenvertrag beifügen.« (Tabarelli 2004, S. 2–3) So ist es um 1900 aus Mainz dokumentiert.

Die ärztliche Leitung der Magdeburger Hebammenlehranstalt wurde am 1. Juli 1907 an Prof. Alkmar von Alvensleben vom Provinzialausschuss der Provinz Sachsen übertragen, die er bis 1945 ausübte und unter dessen Weisung auch die jüngere Emma Loof stand. Prof. von Alvensleben war federführend bei der Entwicklung der Hebammenlehranstalt mit geburtshilflichem Charakter zu einer gynäkologisch-geburtshilflichen Einrichtung mit chirurgischer Etablierung. Nach ihrer Ausbildung war Hebamme Loof als Reisehebamme der Landesfrauenklinik tätig, u. a. um auf den Gütern der Region Geburtshilfe zu leisten. Auch dazu brauchte die Hebamme die Tasche mit allen wichtigen Utensilien.  Emma Loofs Wirkungsbereich lag ebenso in den Orten Eilsleben und Ummendorf. In Eilsleben hatte sie Quartier im Haus von Tischlermeister Bettzüche (heute Zimmermannplatz 3) und in Ummendorfer war ihr Zuhause in der heutigen Berliner Str. 18. Im Gemeindekrug in Eilsleben (Zimmermannplatz 1) führte Emma Loof eine Entbindungsstation, nicht zuletzt auch für Landarbeiterinnen, Umsiedlerinnen und unverheiratete Frauen.

»Mit dem 1938 verabschiedeten Hebammengesetz war es den Hebammen möglich, sich niederzulassen; sie bezogen ein garantiertes Mindesteinkommen und waren gegen Berufsunfähigkeit versichert. Waren die Hebammen bei einem Träger (Kommunen oder Landkreise) angestellt, wurden ihnen die Beiträge für die Alten- und Krankenversicherung ganz oder teilweise bezahlt. Ausbildung und Fortbildungsgänge waren kostenlos. Anschaffungskosten für Instrumente, Bücher usw. waren ebenfalls erstattungsfähig.« (Mädrich – Nicolaus 1999, S. 76–77) Doch auch hierbei galt politisch der Reproduktion von Arbeitskräften und potenziellen Soldaten das Augenmerk, ganz im Sinne Friedrich II. von Preußen.;

»Zur Entbindung in die Accouchirhäuser [Entbindungshäuser/Gebäranstalten – S. V.] kamen fast ausschließlich Frauen aus der Unterschicht. In der Regel handelte es sich um sehr arme, mittellose und ledige Frauen, die von ihrer Familie oder von ihrem Dienstherren verstoßen worden waren.« (A. Gengnagel – U. Hasse 1999, S. 32)  

In den Accouchirhäusern zu entbinden, »war gesetzlich vorgeschrieben; zum einen, um dem verbreiteten Kindsmord entgegenzuwirken, meist eine Folge völliger sozialer Hilflosigkeit, zum anderen, um der Ausbildung ärztlicher Geburtshelfer und Hebammen zu dienen.« (Weber-Kellermann 1994, S. 17)

Hebamme Emma Loof arbeitete nach Gründung der DDR in dem in der Wormsdorfer Straße in Eilsleben neu entstandenen Landambulatorium mit Entbindungsstation (zuvor Unterkünfte für die Zuckerfabriksarbeiter in der Erntesaison/Kampagne). Hausgeburten gab es jedoch weiterhin, und so blieb die Hebammentasche mit der nötigen Ausstattung unverzichtbar.

In ähnlicher Ausführung gibt es im Museum Wolmirstedt zwei Taschen, Inventarnummern: [KG 6585] und [KG 6511] , die, auch aufgrund der Datierung, den Schluss nahelegen, von Hebamme oder Arzt bei den Hausbesuchen verwendet worden zu sein. Eine bestätigte Nutzung gibt es für beide Taschen leider nicht. https://st.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=46195&cachesLoaded=true (10.07.2020); https://st.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=46185&cachesLoaded=true (10.07.2020). Eine bestätigte Nutzung gibt es für beide Taschen leider nicht.

Ein Hebammenkoffer im Stadtmuseum Erfurt zeigt eine umfangreichere Ausstattung, sowohl mit medizinischem Utensil als auch mit erforderlichem Zubehör. (1950er-/60er-Jahren).

https://nat.museum-digital.de/singleimage.php?objektnum=23235&imagenr=35475 (08.07.2020).   

Für das Heimatmuseum Östringen (Badeb-Württemberg) wird ein Wiesbadener Hebammentasche (Geburtstasche) in der Sammlung aufgeführt. Es handelt sich dabei um einen Koffer mit einem zusätzlichen, herausnehmbaren Einlegeboden, der die Instrumente, in Schlaufen eingesteckt, griffbereit verwahrt. Dieses Transportbehältnis kam lt. Beleg ebenfalls bis in die 1960er-Jahre bei Hausgeburten zum Einsatz. https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=90940&cachesLoaded=true (10.07.2020)

Mit dem Erreichen des Rentenalters endete auch für Ummendorf die direkte Betreuung durch eine Hebamme. Die bei zu erwartenden Komplikationen nunmehr empfohlene stationäre Entbindung, so u. a. in der Landesfrauenklinik in Magdeburg, wurde allmählich regelhaft. Bereits in den 1960er-Jahren übernahmen Entbindungsstationen in den Kreiskrankenhäusern Aufgaben der Hebammen, die Betreuung während der Schwangerschaft lag nun in der Verantwortung der Schwangerenberatung mit ärztlicher Zuständigkeit.

Emma Loof starb am 18. August 1978. Die Instrumente wurden von der Gemeindeschwester des Ortes verwahrt. Tasche, Fotos und Archivmaterial verblieben familiennah. Durch die Ausstellung des Museums 1997 wurden die noch vorhandenen Bestandteile der Hebammenausstattung wieder zusammengeführt und veranschaulichen stückweit Hebammenleben und Zeitgeist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Literatur

Beilage zur „Allertal-Zeitung“, 33. Jahrgang, Nr. 38, 28. März 1936 (Eilsleben 1936) 3.

H. Beyer, Eilsleber Geschichte(n), 1. Auflage (Eilsleben 2015) 93.

A. Gengnagel – U. Hasse, »Die Geburt der Klinik«: Accouchiranstalten in Deutschland, in: M. Metz-Becker (Hrsg.), Hebammenkunst gestern und heute. Zur Kultur des Gebärens durch drei Jahrhunderte (Marburg 1999) 31–36.

S. Keyhan-Falsafi – R. Klinke – C. Schütz, Geburtshelfende um 1800. Ein Geschlechterkonflikt, in: M. Metz-Becker (Hrsg.), Hebammenkunst gestern und heute. Zur Kultur des Gebärens durch drei Jahrhunderte (Marburg 1999) 21–30.

J. Mädrich – U. Nicolaus, Hebammen im Nationalsozialismus, in: M. Metz-Becker (Hrsg.), Hebammenkunst gestern und heute. Zur Kultur des Gebärens durch drei Jahrhunderte (Marburg 1999) 76–77.

V. Limburg, Drackenstedter Frauengeschichte erzählt von der Geburt bis zum Tod vom 16. bis zum 19. Jahrhundert (Selbstverlag Dreileben 2020) 194–195.

N. Panteleon, Hebammentagebuch von Marie Junge, in: SammlungsStücke Heft 4 (Ummendorf 2018) 18–23.

J. Schlumbohm – B. Duden – J. Gélis – P. Veit (Hrsg.) Rituale der Geburt. Eine Kulturgeschichte (München 1998) 58.

P. Tabarelli, Das Hebammenwesen in Mainz um 1900 (o. Ort 2004) 2–3.

I. Weber-Kellermann, Die helle und die dunkle Schwelle. Wie Kinder Geburt und Tod erleben (München 1994) 17.

https://de.wikipedia.org/wiki/Landesfrauenklinik_Magdeburg (25.05.2020).

Quellen

BMBU Archiv – Geburt.

BMBU Archiv – Sonderausstellung Kinderwelten.

Pfarrarchiv Ummendorf.

Vergleiche

  • https://st.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=46195&cachesLoaded=true (10.07.2020).
  • https://st.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=46185&cachesLoaded=true (10.07.2020).
  • https://nat.museum-digital.de/singleimage.php?objektnum=23235&imagenr=35475 (08.07.2020).
  • https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=90940&cachesLoaded=true (10.07.2020).
  • https://nat.museum-digital.de/data/bawue/images/201602/09134659292.jpg (10.07.2020).
  • https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=90940&cachesLoaded=true (10.07.2020).

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